Anatomie einer Konversation – Erläuterungen

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Bericht, Fritz/Page/Rösch, Salon

Am 22.08.2020 präsentierten Maximilian Fritz, Marie Page, Luca Rösch im Rahmen ihres vierten öffentlichen Salons im Garten des swb Experimenthauses Neubühl die künstlerische Installation „Anatomie einer Konservation“, die sie in Zusammenarbeit mit Donia Jornod und Jeremy Ratib realisierten. Nachfolgend die Erläuterungen der Autorinnen und Autoren, ergänzt mit Fotos von Pierre Marmy.

„How long have I been asleep? It feels like I never left. I don’t recognise this place.“ Auszug aus dem Transkript der Tonaufnahmen

Vertrautheit und Verwirrung

Ein Begriffspaar, das sich beim Betreten des Gartens unvermeidlich in die ersten Gedanken streut. Vertraut deswegen, weil der Garten in seinem gewohnten Zustand mit seinen gepflegten Gräsern, Stauden, Bäumen, Blumen, Betonplatten und der dicht bewachsenen Wand wiedererkennbar ist. Verwirrt deswegen, weil die beiden weißen und mäanderförmigen Objekte derart deplatziert und fremd wirken, dass der  Grund ihrer Existent nicht ausmachbar ist. Geweckt von einem Gefühl der Neugier setzt man die Bewegung entlang der Objekte durch den Garten fort. Ihre  Position gibt einen Weg  vor.  Ganz so zufällig sind sie also doch nicht platziert. Plötzlich werden Geräusche hörbar. Es klingt nach Stimmen. Klare Sätze sind aber nicht ausmachbar. Trotzdem könnte es eine Unterhaltung sein. Man verweilt lauschend und konzentirerend an Ort und Stelle. Ein paar Augenblicke vergehen, die Wolkenfelder am Himmel ziehen vorüber und die ersten Lichtstrahlen der Sommersonne fallen auf die weißen Oberflächen. Dabei beginnt sich etwas zu wandeln.

Die sonnenzugewandte Seite der Objekte wird hell, wenn nicht sogar unangenehm grell. Die Augenlider müssen zugedrückt werden. Zu weiß scheint es, dass klare Konturen ausmachbar sind. Zu schmerzvoll für das Auge wirkt es, Nuancen der Schatten auf der unregelmäßigen Oberfläche zu erkennen. Alles vermischt sich zu einem „großen Weiß“. Auf der Suche nach Schatten kehrt man wieder zurück und erkennt dabei die Gegensätzlichkeit beider Seiten. Hier erschient die Oberfläche nicht als weiß und hermetisch unzugänglich, sondern transluzent. Der Garten hüllt sich in ein angenehmes Licht. Gleichzeitig sind die Silouetten der  Schatten von  Personen auf  der gegenüberliegenden Seite erahnbar. Aber viel wichtiger noch, offenbaren die Objekte ihr inneres Geheimnis. Erstellt aus tausenden kleinen Stücken, entlang von dünnen, gegen dem Himmel strebenden Linien arrangiert, zeigen sie sich als zwei Wände aus Blätterwerk. Die Sonne bringt die Hecken zum Leuchten und die anfängliche Verwirrung hat sich gelegt.

Salon

So könnten einige Minuten innerhalb der Installation beschrieben werden. Unter dem Titel „Anatomie einer Konversation“ war sie im August 2020 im Garten des SWB Experimenthauses Neubühls in Zürich zu sehen und war Teil des vierten Salons der Bewohner. Das Trio – Marie Page, Luca Rösch und Maximilian Fritz – arbeiteten zusammen mit dem befreundeten Künstlerpaar Donia Jornod – Bildhauerin und Malerin – und Jeremy Ratib – Klangkünstler an der Erarbeitung der Installation. Für „Anatomie einer Konversation“ entwickelten und erbauten sie die Skulpturen aus Papier, Kleister und Draht. Zusätzlich verwandelten fiktive Dialoge und Fragmente aus Erinnerungen, die als Hintergrundgeräusche zu hören waren, den gesamten Garten zu einem fremden und gleichzeitig vertrauten Ort.

Anatomie – oder die Frage nach dem „Was“

Wellen, Felswände, Hecken, Schlangen, Schnecken oder das Rückgrat einer Kreatur. Mannigfaltig könnten Assoziationen zur Gestalt von „Anatomie einer Konversation“ sein. Aber vielmehr scheint es, als würde sich die Installation jeglicher Begrifflichkeit des „Was“ entziehen. Die vollkommene Desaturation über ein herkömmlich verwendbares Druckerpapier und die undefinierbaren formalen Bewegungen, ermöglichen analoge Begriffsdefintionen nur bedingt. Der Grad der Abstraktion ist zu groß. Vielmehr könnte „Anatomie einer Konversation“ als die Summe seiner einzelnen Gesten verstanden werden.

Als Beispiel für ihre Wichtigkeit dienen folgende vier Aspekte: In der Nähe eines kleineres Baumes am seitlichen Eingang des Gartens, folgt die Silhouette der wachsenden Form der Vegetation. An andere Stelle wiederum krümmt sich die Oberfläche zur Hecke und formt enge Passagen. Im Zentrum stülpt sich das Papier über die Köpfe der Betrachter, erstellt ein Dach und lädt zum Verweilen ein. Und am Ende der zweiten Oberfläche spitz sie sich zu und definiert klar den Abschluss seiner eigenen szenografischen Gestalt.

Dies sind nur klar konstruierten Gesten des fünfköpfigen Teams. Daneben sind kleinere und unkontrollierte Bewegungen entstanden. Durch  die  verwendeten Materialien   und  der  Technik – gleichgroße Papierstücke, werden mit Kleister bestrichen und entlang metallischer Drähte befestigt – entstanden unzählige zufällige Momente. Das hat materialspezifische und personelle Gründe: Die Form des Drahtes ist über temporäre Befestigungskonstruktionen nur bedingt kontrollierbar. Zudem war aufgrund der Größe der Holzkonstruktion und Geometrie der Objekte das Kleistern nur mit zwei gleichzeitig gegenüber arbeitenden Personen möglich. Schlussendlich war die effektive Gestalt durch das Trocknen, das darauffolgende Schwinden, wechselende Luftfeuchtigkeitszustände,   Regenschauer   und   der   Schwerkraft   nur   bedingt   kontrollierbar.

Das Unkontrollierte wurde zur Regel. Zudem wurde die Wand aus Pappmache in repetitiven Handbewegung erstellt und verinnerlicht somit Spuren ihrer eigenen Inkrustation. Die daraus entstandene Unpräzision musste akzeptiert werden. Zusammen mit dem latent sichtbaren Gerippe der Drähte führt die kontrollierte Ungenauigkeit der blätterwerkartigen Oberfläche dazu, dass Begriffe animalischer Analogien mehrmals in Diskussionen über die Installation verwendet wurden. Der spezifische Begriff der „weißen Haut“ scheint dabei am treffendsten.

Obwohl die Installation einen hohen Grad an Abstraktion aufweist, lassen sich vielleicht drei  Punkte behaupten: Erstens, die Gesten der Handbewegung der arbeitenden Personen wurden  zu räumlichen Gesten der Installation. Zweitens, führten die Spuren auf der Oberfläche sowie die maximale Größe zu einer reziproken Beziehung zwischen menschlichen Maßstab der Formen der Installation und der Körper der Betrachter. Drittens, liegt womöglich die Qualität von „Anatomie einer Konversation“ genau in diesem Dreiecksverhältnis von Anatomie der Erbauenden, Anatomie der Betrachter und Anatomie der Installation selber.

Alchemie – oder die Frage nach dem „Wie“

Da „Anatomie einer Konversation“ aus einer dünnen weißen Haut besteht, wird die komplette Gestalt lediglich als eine einzige Oberfläche wahrgenommen. Form und Farbe sind durch die Eigenschaften des Materials – das einzelne Blattpapier – definiert. Ein Blatt jedoch bleibt ohne Effekt. Auch das einzelne Blatt eines Efeus bildet keine Hecke. Erst in ihrer tausendfachen Repetition und der Reihung wird die phänomenologische Wirkung wahrnehmbar.

Neben dem Schattenspiel der Falten auf der „weißen Haut“, ist die transluzente Eigenschaft des Papiers selber am einprägsamsten. Aber erst durch das Auftreten der Sonnenstrahlen beginnt das Blattwerk mit dem metallischen Grippe sich zu zeigen. Dies ist ein vergänglicher und von den meteorologischen Bedingungen beeinflusster Effekt. Für den Betrachter womöglich ein unerwarteter und zauberhafter Augenblick. Ein Augenblick der etwas an Alchemie grenzen mag. Denn erst durch das Licht wurden die physikalischen Eigenschaften und die daraus resultierende Transformation des Pappmachés sichtbar.

Sowohl Gestalt, wie auch die Wahrnehmung  sind  an  Bedingungen  geknüpft.  Bedingungen des Materiales und seines Enstehungsprozesses. Aber auch Bedingungen an wechselnde metrologische Umstände. Diese mussten vom Team akzeptiert werden und führten unausweichlich zu einer Konzeptionalisierung des Materiales, anstelle einer Materialisierung eines Konzeptes. Womöglich liegen darin weitere Qualitäten von „Anatomie einer Konversation“. Erstens, die Sichtbarmachung und künstlerische Verwertung latenter Potenziale eines Materiales. Zweitens, die bedingungslose Verknüpfung von Gestalt und deren Wahrnehmung an seine Umgebung – dem Garten des SWB Experimenthauses Neubühl.

Duett/Quintett – oder die Frage nach dem „Wer“

„Anatomie einer Konversation“ ist keine künstlerische Einzelleistung. Wie erwähnt arbeiteten die drei Bewohner des Experimenthauses nicht allein an der Entwicklung der Installation, sondern suchten gezielt den Kontakt zum befreundeten Künstlerpaar Donia Jornod und  Jeremy  Ratib. So entwickelte sich eine temporäre Zusammenarbeit über einen Zeitraum von ungefähr drei  Monaten.

Diese Vorbereitungsarbeiten waren anfänglich geprägt von Diskussionen und Materialversuchen. Erste Annäherungen waren eher intuitiv, anstatt kontrolliert. Gleichzeitig boten die Treffen ein reichhaltiges Projektions- und Diskussionsfeld lange gehegter Gedanken eines Jedem. Nach einiger Zeit entstand unbewusst ein Leitfaden: Anstelle der  Präzisierung einer singulären Idee für den Salon, galt es die Entwicklung eines gemeinschaftlichen Gefühles für den Garten zu erarbeiten. Womöglich war dies der Grundstein dafür, dass der effektive Entscheidungs- und Entstehungsprozess innerhalb nur weniger Tage erfolgte.

Der vierte Salon des Trios war bisher eines der umfangreichsten Experimente ihrer Residenz. Er war geprägt vom Suchen nach mannigfaltigen Beziehungen und Bedingungen – gezielt oder zufällig. Am weitgehendsten lässt vielleicht der Begriff Duett „Anatomie einer Konversation“ beschreiben. Ein Duett von Installation und Garten. Ein Duett von Papier und Blättern Ein Duett zweier Teams. Und selbst ein Duett von Handpaaren beim Kleistern.

Fotos: Pierre Marmy

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