Salon 34 | The big Sam Show
von Stefan Schellinger und Samantha Zaugg
Samstag, 22. November 2025 im Experimenthaus
Samantha liegt im Wohnzimmer auf dem Sofa. Sie schaut einen Film, macht sich eine Tasse Tee und holt sich einen kleinen Snack aus der Küche. Sie hat das ganze Haus für sich und ruht sich aus.
Ein Zimmer für sich allein – der Essay von Virginia Woolf – ist ein Klassiker feministischer Literatur. Woolf bezieht sich darauf, dass Frauen Raum brauchen, um zu arbeiten. Doch ist es mit dem Arbeitsraum getan? Brauchen Frauen nicht vielmehr auch einen Raum, um sich zu erholen? Und was verstehen wir unter Erholung? Ist die Abwesenheit von Arbeit automatisch Erholung?
Diese Ausgangslage nutzen wir als Spannungsfeld mit verschiedenen Anknüpfungspunkten. Insbesondere aus einer feministischen Perspektive und in Anbetracht der Siedlung als Ikone der modernen Architektur ergeben sich interessante Betrachtungsweisen. Deshalb freuen wir uns über die Einladung, einen Beitrag zur Buchvernissage „Frauenleben im Neubühl“ zu leisten.
Die Werkbundsiedlung wurde nach einem Kernprinzip der Moderne entworfen. Der Wohnraum soll ein Ort der Entspannung und Erholung sein. Damit die häusliche Sphäre ein solcher Erholungsort wird, ist Arbeit nötig. Diese Arbeit wird oft von Frauen erledigt. Für sie ist die häusliche Sphäre damit auch ein Arbeitsplatz. Die Hausarbeit bleibt dabei unsichtbar und unbezahlt. Feministische Theoretikerinnen wie Silvia Federici beschreiben und kritisieren dieses Themabereits seit den siebziger Jahren.
Die Moderne hat die bürgerliche Trennung von Erwerbs- und Reproduktionsarbeit räumlich verfestigt, ohne sie kritisch zu hinterfragen. Die Architektur ist damit selbst Teil eines Wertesystems, das weibliche Arbeit als selbstverständlich betrachtet und dadurch unsichtbar macht. Gleichzeitig wird die weibliche Erholung ausgeklammert.
Mit unserer Intervention wollen wir diese Themen hinterfragen. Wir knüpfen an die Tradition feministischer Performance Künstlerinnen an. Eine wichtige Referenz ist die amerikanische Künstlerin Mierle Laderman Ukeles. 1973 putzte sie im Rahmen einer Ausstellung das Brooklyn Museum. Mit Mopp und Eimer schrubbte sie die Treppen und Böden und machte so Arbeit sichtbar, die normalerweise verborgen bleibt.
Diese Lesart wollen wir fortführen. Das Wohnzimmer wird performativ zum Entspannungsraum erklärt. Diese Setzung bietet Raum für Fragen: Was macht Samantha genau? Erholt sie sich, oder bleibt das Erholen unter Beobachtung eine Performance und somit wiederum Arbeit?
Text: Schellinger Zaugg
Literaturliste
Silvia Federici, Nicole Cox: Counterplanning from the Kitchen, 1976
Mierle Laderman Ukeles: Manifesto for Maintenance Art, 1969
Virginia Woolf: A Room of One’s Own, 1929
Franziska Schutzbach: Die Erschoepfung der Frauen, 2024
Carla Lonzi: Selbstbewusstwerdung, 2021
Paul Lafargue: Das Recht auf Faulheit, 1848


Bildquellen: Titelbild: Martin Goray | Bild 1 Stefan Schellinger | Bild 2 Martin Goray