Salon 32 | «Sorge Tragen»

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Salon 32 | «Sorge Tragen»
von Stefan Schellinger und Samantha Zaugg
Samstag, 28. Juni 2025

Der Salon Nr. 32 wurde von Samantha Zaugg und Stefan Schellinger kuratiert. Der von ihnen eingeladene Künstler Iouri Podladtchikov setzte sich unter dem Titel „Sorge tragen“ und der Symbolik öffentlicher Zeichen auseinander. Die künstlerische Intervention, die eigens für die Werkbundsiedlung Neubühl konzipiert wurde, manifestierte sich im Hissen einer Fahne am Neubühl-Fahnenmast. Diese scheinbar einfache Geste stellte eine kritische Reflexion über das Hoheitszeichen und dessen eingespielte Bedeutung dar. Die Farben der Fahne wurden so gewählt, dass sie keiner bestehenden Nationalflagge entsprachen. Dadurch wurde das Symbol der Fahne als Zeichen von Macht und Zugehörigkeit in seiner codierten Funktion hinterfragt. Dies verunsicherte einige „uneingeweihte“ Bewohner der Siedlung in der darauffolgenden Woche und bewog sie zur Kontaktaufnahme mit der Verwaltung. Der Salon fand seinen Abschluss mit einer Filmvorführung von Fassbinders „Angst essen Seele auf“. Das Thema der sozialen Beziehungen und deren Fragilität wurde mit dem Film und den anschliessenden Gesprächen vertieft und erweitert.

Text: Martin Goray

Bild und Videoquelle: Samantha Zaugg

Gedicht zur Arbeit «Sorge Tragen» von louri Podladtchikov

Aus der Reihe Tanzen
Verglühen
Befreien
Nutzen
Berühren
Skizzieren
Zeichnen
Ohne Titel
Ohne Anspruch
Nur Andeutungen
Auf Frohes
Freies
Anmutendes
Unbemerkt
Verworren
Ohne Richtung
Freude erklimmen
Lasten erleichtern
Briefe neu beginnen
Und erneut verschwimmen

Grusswort zur Arbeit von Samantha Zaugg «Sorge Tragen»

Liebe Gäste, ich begrüsse sie ganz herzlich. 

Für diesen Salon hier im Neubühl haben wir den Künstler Iouri Podladtchikov eingeladen. Er hat eigens für die Werkbundsiedlung eine Fahne realisiert. Die Idee für diese Einladung entstand aus einem gemeinsamen Gespräch. Im Allgemeinen empfehle ich Ihnen allen, die Gelegenheit zu nutzen und ein Gespräch mit Iouri zu suchen. Er ist ein anregender und interessanter Gesprächspartner für Gespräche über Kunst, Philosophie und allerhand anderes. 

Jedenfalls hatten wir uns eines Abends über Iouris aktuelle Arbeit ausgetauscht. Er erzählte von seinen Experimenten mit Farben, mit Pigmenten und Ölkreiden. Im Atelier hat er mit den Farben hantiert und bei den Versuchen festgestellt, dass die Farbfelder, je nachdem wie sie auf dem Malgrund angeordnet werden, an eine Flagge erinnern. Im rechtlichen Sinn ist eine Fahne eng mit dem Nationalstaat verbunden. Eine Fahne markiert ein Hoheitsgebiet und damit einen Besitzanspruch. Sie steht für einen Staat, dessen Gebiete und dessen Bürgerinnen und Bürger. 

Die Staatsbürgerschaft wiederum bringt Freiheiten, Rechte und Pflichten, für diejenigen, die dazu gehören. Gleichzeitig schliesst ein Staat auch aus. Diejenigen, die keine Staatszugehörigkeit haben, die ausgeschlossenen. verfügen nicht über die gleichen Privilegien, wie die eingeschlossenen. So steht auch eine Flagge gleichzeitig für Ein- und Ausschluss. Grundsätzlich sind alle Aspekte von Fahnen rechtlich geregelt. So auch die Farben. Die Farbtöne sind in den Flaggen Reglementen der jeweiligen Länder festgehalten, die Farbcodes reglementiert.

Doch was ist eine Flagge formalistisch betrachtet? Es ist Stoff, es sind Fäden und Haken. Treten wir noch einen Schritt zurück und lassen wir die Materialien aussen vor. Dann bleiben nur die Farbfelder. In diesem Fall Bordeaux, Rosa und Mint. Es sind Farben, wie sie in Flaggen von Nationalstaaten nicht vorkommen. Es steht uns also frei selbst zu überlegen, wofür die Farben stehen, und welche Werte sie verkörpern. Oder aber wir betrachten nur das, was wirklich da ist. Farbfelder auf Textil, an einer Stange aufgehängt. Diese Lesart ist kunsthistorisch begründet, es ist der Ansatz, den die konkrete oder konstruktive Kunst verfolgt. Vertreterinnen aus der Schweiz sind etwa Verena Löwensberg, Charlotte Schmid oder Max Bill.

Dies einige einleitende Worte und Assoziationen, um den Gedankenraum zu dieser Arbeit aufzuspannen. Wie auch immer Sie die Fahne betrachten, ich freue mich sehr, dass Sie zur Vernissage gekommen sind. Ich bedanke mich herzlich bei Iouri Podladtchikov für seine Arbeit. Bei der Sektion Zürich des Schweizer Werkbundes für die Möglichkeit zu dieser Intervention.