Soziale und städtebauliche Dimensionen der Wohngenossenschaftsbewegung

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André Tavares, Bericht, Bewohner*innen, Salon

Der portugiesische Architekt und Autor, André Tavares, hat in seinem dritten und letzten Salon im Rahmen seiner Residenz im SWB Experimenthaus Neubühl den Fokus auf den historischen Werdegang der Zürcher Wohngenossenschaftsbewegung gerichtet.

André Tavares, Irina Davidovici, Andreas Hofer (v.l.n.r) in der Aufwärmphase des Salons

Irina Davidovici, die an der ETH Zürich am Lehrstuhl für Geschichte des Städtebaus forscht, hat in ihrer einleitenden Präsentation die soziale und ökonomische Bedeutung der Zürcher Wohngenossenschaftsbewegung aufgezeigt: Von Beginn weg, mit der ersten Genossenschaft, der Zürcher Bau und Spargenossenschaft (ZBS) 1892, und bis heute ist es gelungen, für die Unter- und Mittelklasse erschwinglichen Wohnraum zu schaffen und gleichzeitig die Spekulation einzudämmen. 1907 hat das Zürcher Stadtparlament gesetzlich verankert, dass das genossenschaftliche Bauen zu fördern sei, und damit eine wichtige Voraussetzung für die vorbildliche Entwicklung der Zürcher Wohngenossenschaftsbewegung geschaffen.

Gespannte Aufmerksamkeit – das dialogische Setting des Salons wirkt raumübergreifend.

Anschliessend hat der Architekt Andreas Hofer im Dialog mit Irina Davidovici und mit seinen Berichten aus der Projektentwicklung für die Genossenschaften KraftWerk1 und «mehr als wohnen» einen Bogen in die Gegenwart gespannt. Eindrücklich hat er geschildert, wie sich die genossenschaftlichen Ideale aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts mit der gesellschaftlichen Entwicklung verändert haben: In der Folge der Jugendbewegungen 1968 und 1980 ist die Kleinfamilie mit Haus im Grünen von heterogenen Lebensentwürfen abgelöst worden. So haben sich als Konsequenz auch Architektur und Wohnformen radikal verändert. Zum Schluss hat Andreas Hofer einen Blick in die Zukunft des genossenschaftlichen Wohnens geworfen und festgehalten, dass eine gute soziale Durchmischung und der Mut zum Experiment für eine Weiterentwicklung der Wohngenossenschaften sehr wichtig seien.

Die zahlreichen Besucher und Besucherinnen haben einen spannenden Publikumsmix ergeben – mit Genossenschaftern des Neubühls, Studenten und Dozenten der ETH und weiteren Interessierten. Die Anwesenden haben den Salon mit angeregten Gesprächen ausklingen lassen und das, mit Sonnenlicht und Sommerluft durchflutete, Experimenthaus samt Garten sichtlich genossen.

Bei geöffneten Türen und (Schiebe-)Fenstern verbindet sich der Aussen- mit dem Innenraum – noch heute vermögen die gebauten Dogmen der Moderne eine Einheit mit dem unmittelbaren Erlebnis zu bilden.

Fotos: Reto Gadola

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